Flucht – ein Gedächtnisprotokoll

»Meine Geschichte« nennt Hanan das, was sie auf der Flucht erlebt hat. Die Überfahrt über das Mittelmeer ist der dramatischste Moment dieser Geschichte. Die Bilder von der Untiefe des Meeres und die Angst vor dem Ertrinken sind bis heute ein Teil von ihr, aber sie sind nur ein Teil ihrer Geschichte – eine von vielen unwiderruflichen Erinnerungen an den Weg in ein anderes Leben. 451 Tage war Hanan gemeinsam mit ihrer Familie auf der Flucht, 5809 Kilometer haben sie auf dem Weg von Borek im Irak nach Deutschland zurückgelegt, unzählige kleine Momente, Gerüche, Töne, Farben und Empfindungen formen diese Reise. Auf der Spur der Erinnerung

Die ersten dreizehn Jahre ihres Lebens verbringt Hanan mit ihren Eltern und ihren vier Schwestern Janan, Helin, Sulin und Dalin in ihrem Haus in Borek, einem kleinen Städtchen im kurdischen Teil des Nordiraks. Die Erinnerungen an diese Zeit sind laut, farbenfroh und sie duften nach Sommer – nach den Granatapfelbäumen im Hinterhof ihres Tonhauses. Hier spielen die Geschwister oft Wurfspiele, während Hanans Mutter Seve in der Küche das Gemüse aus dem eigenen Garten zu jesidischen Traditionsgerichten verkocht. Hanans Vater Saeed betreibt zwei Läden und einen Friseursalon. Alle Männer in der Familie haben akkurat geschnittene Haare, bald auch der erste Sohn. Im Winter 2013 wird Sidar geboren. Tagelang kommen Nachbarn, Freunde und Verwandte zu Besuch und gratulieren der Familie zu ihrem Erstgeborenen. »Sidar war ein ruhiges Kind, ganz anders als jetzt«, erinnert sich Hanan an die Monate vor der Flucht. Nur nachts schreit Sidar. Wenn die Familie gemeinsam auf dem Dach des Hauses unter dem Sternenhimmel übernachtet, dann weint er plötzlich in seiner kleinen Wiege – so, als würde er im Traum erahnen, was ihnen bevorsteht.

Im August 2014 ist Sidar neun Monate alt. Es sind noch immer Sommerferien, aber seit Tagen springen im Hinterhof nur die zwei Zicklein umher, keine Kinder. Die Familie sitzt vor dem Fernseher. In Schockstarre verfolgen sie die Nachrichten: Alle Sender zeigen den blutrünstigen Vormarsch des Islamischen Staats. Hanans Familie gehört zu der ethnisch-religiösen Minderheit der Jesiden, den Kurdisch sprechenden Anhängern einer vorislamischen Kultur. Viele Muslime betrachten Jesiden als Teufelsanbeter – die jesidische Gemeinschaft hat über Jahrhunderte hinweg Vertreibung und Unterdrückung erlebt. Nun hat die Terrormiliz Islamischer Staat die Jesiden als »ungläubige Teufelsanbeter« gebrandmarkt und kämpft für ihre vollständige Auslöschung. In Militärfahrzeugen und mit Maschinengewehren bewaffnet fahren die Kämpfer von Dorf zu Dorf und stellen die Familien vor die Entscheidung: Zum Islam konvertieren oder sterben. Männer, die sich weigern zu konvertieren, werden hingerichtet. Frauen und Kinder werden versklavt und vergewaltigt. Die Nachrichtenbeiträge reihen Bilder von IS-Kämpfern, die auf leblosen, blutüberströmten Körpern posieren, aneinander. »Sie werden reinkommen und uns alle erschießen. Es wird ganz schnell gehen«, stellt Hanan sich die bevorstehende Ankunft der Kämpfer in ihrem Haus vor.

Frühmorgens zwingt sich die siebenköpfige Familie in ihr Auto. Als Proviant haben sie nur Wasser und Brot dabei. »Wenn wir die heutige Nacht überleben, dann können wir morgen wieder in unser Haus zurückkehren«, beruhigt sich Hanan immer wieder. Die folgenden Tage verbringen sie bei Verwandten und befreundeten Familien in anderen jesidischen Dörfern. Zunächst in Mahad, dann in Khanke, zuletzt in Beban. In der Ferne hören sie den Bombenhagel des Islamischen Staats, aber begegnen tun sie den Kämpfern nur im Traum. Mittlerweile kann niemand mehr durchschlafen. Angst und Ungewissheit sind die Konstanten ihres neuen Alltags – bis eines Tages ein Nachbar tot aufgefunden wird. »Da haben meine Eltern beschlossen, dass wir ins Gebirge gehen und in die Türkei flüchten« beschreibt Hanan den Aufbruch der Familie.

Viele von Hanans Erinnerungen an die Flucht sind im Passiv formuliert. Dinge, die mit ihr geschehen, die ihr widerfahren, die sie erträgt: Ein Lastwagen, der sie zur Grenze mitnimmt, ein Flüchtlingslager, in dem sie untergebracht werden, eine Schlange, in der ihnen Nahrungsmittel zugeteilt werden. In der Türkei sind Hanan und ihre Familie offiziell Flüchtlinge. Sie sind Fremde in einem Land, das nicht ihres ist – aber sie sind auch in Sicherheit. Viele flohen in den ersten Tagen der Massaker auf das Hochplateau des Mount Sinjar, dem heiligen Berg der Jesiden. Auf dem Weg in die Türkei wurden sie vom Islamischen Staat umstellt. Tagelang harrten tausende Jesiden in der sengenden Sonne aus, ohne Wasser und Nahrung. Viele kamen ums Leben, bevor die Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK und die syrischen Kurden der YPG-Miliz mit Hilfe der US-Luftwaffe einen Fluchtkorridor freikämpfen konnten. Auch diese Bilder sind Teil von Hanans Gedächtnis. Ihre Erinnerung an den Krieg und die Flucht sind größer als die eigene Erfahrung.

Die ersten Monate in der Türkei lebt die Familie in einem Flüchtlingslager in Viranşehir. Frühmorgens springen die vier Schwestern auf die Ladefläche eines Transporters, der sie zu den umliegenden Baumwollplantagen fährt. Gemeinsam mit ihrem Vater pflücken sie Baumwollfasern – jeden Tag, zehn Stunden lang. Abends kehren sie erschöpft von der Hitze und mit wunden Fingern zurück in das kleine Zelt, in dem sie übernachten. Gemeinsam verdienen sie zehn Euro am Tag – gerade genug, um im entlegenen Stadtzentrum Nahrung und Kleidung für die Familie zu kaufen. Das Lager ist ein verlassener Zeltplatz, umringt von hohen Maisfeldern – ein Ort im Nirgendwo. Die Versorgung ist schlecht und das Lager wird von der türkischen Regierung geleitet, der die Jesiden seit jeher misstrauen. Deshalb zieht die Familie Mitte Dezember weiter nach Nissabin.

In Nissabin nimmt ihr neues Leben Konturen an. Sidar kann mittlerweile nicht nur Laufen, er rast auf einem kleinen Plastikmotorrad durch die staubigen Straßen des Lagers. Und er verliert seinen ersten Zahn. Sogar die Zahnfee findet ihren Weg durch die scheinbar unendlichen Zeltreihen: Am nächsten Morgen liegt ein Taler neben seiner Matratze. Das Lager ist wie eine kleine Stadt: Es gibt einen Supermarkt, ein Krankenhaus und Schulen – die Hanan als »sehr modern« beschreibt Hanan Flüchtlingslager. Ein bisschen so, wie die Unterkünfte in Europa, von denen hier viele berichten. Die Geflüchteten in Nissabin sind eine Gemeinschaft. Fast alle wollen nach Europa, fast alle stammen aus dem Irak. Zum Jahreswechsel feiern sie gemeinsam das Eierfest, das jesidische Neujahrsfest. Die Zelte werden mit Blumen, Pflanzen und bunt gefärbten Eiern geschmückt. Es duftet nach den jesidischen Köstlichkeiten, die Hanans Mutter kocht. Vor dem Zelt spielen die Kinder Wurfspiele. Für einen Moment kehrt die Normalität zurück: »Es war fast wie im Irak«.

Dann, im April 2015, stirbt ein kleines Mädchen, weil sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Die Lagergemeinschaft protestiert; ein Wasserwerfer drängt die Demonstranten gewalttätig zurück. Hanans Eltern beschließen, dass Vater Saeed alleine nach Europa aufbrechen wird. Die Familie hat Verwandte in Ostbayern. Sie können ihm helfen, einen Antrag auf Familiennachzug zu stellen. Wie weit es nach Europa ist, können sich Hanan und ihre Schwestern damals nicht vorstellen: »Eine Landkarte hatten wir noch nie gesehen. Wir kannten nur den Irak«. Sie verabschieden sich von ihrem Vater mit einer Umarmung – so, als würden sie sich nächste Woche wiedersehen. In den kommenden Monaten ist Mutter Seve allein mit den Kindern im Lager. Regelmäßig telefonieren die Schwestern mit ihrem Vater. Sidar kann mittlerweile freudig »Papa« sagen, wenn dieser aus Bulgarien, Serbien, Ungarn, Slowenien, Österreich und schließlich aus Deutschland anruft. Doch der Antrag auf Familiennachzug wird abgelehnt.

Im Herbst 2015 bricht die restliche Familie Richtung Küste auf. 24 Stunden dauert die Busfahrt nach Izmir, von dort aus wollen sie die Ägäis nach Griechenland überqueren. Am Morgen vor der Abfahrt hüpfen Hanans kleine Schwestern unruhig in ihren orangenen Schwimmwesten auf den Matratzen der Unterkunft. Das Zimmer, in dem sie übernachten, hat blaue Wände – so blau, wie das Meer, vor dem sie kurz darauf stehen. Im Morgengrauen steigt die Familie mit 60 anderen Erwachsenen und einer handvoll weiterer Kinder in ein kleines Schlauchboot. Das Meer ist totenstill. Sidar weint leise in den Armen seiner Mutter, die Schwestern starren verängstigt auf den Boden des überfüllten Boots. Nach einer 90-minütigen Fahrt erreichen sie einen griechischen Strand. Badegäste sonnen sich, als sie in durchnässter Kleidung aus dem Boot steigen. Hinter ihnen kommen drei weitere vollbesetzte Boote an – es ist die Zeit der großen Fluchtbewegung nach Europa.

Eine Griechin nimmt die Familie mit in ein Flüchtlingslager, wo sie neue Kleidung bekommen. Mit der Fähre fahren sie weiter nach Athen. Dort harren sie in einem weiteren Lager aus. Die letzten Ersparnisse sind aufgebraucht. Die griechische Regierung ist überfordert; es gibt kaum Hilfsangebote. Nachbarn aus dem Flüchtlingslager versorgen die Familie mit. »Manchmal schrie Sidar vor Hunger und wir hatten kein Geld, um ihm etwas zu Essen zu kaufen – das war das Schlimmste«, erinnert sich Hanan. Gemeinsam mit ihren Nachbarn schließen sie sich dem großen Flüchtlingstreck über die Balkanroute an. Fast zwei Wochen sind sie unterwegs. In Zügen, Bussen, Taxen und zu Fuß ziehen sie nach Westeuropa, umgeben von tausenden anderen Menschen aus dem Irak, aus Afghanistan und Syrien. Die Mehrheit der Geflüchteten will nach Deutschland – das Land, mit dem sie die größten Hoffnungen verbinden. Für Hanan ist Deutschland vor allem der Ort, in dem der Rest ihrer Familie schon lebt und »Heimat ist, wo Familie ist«.

Sie laufen Tag und Nacht. Janan, Helin und Sulin meist voran, Hanan mit Dalin und ihrer Mutter hinterher. Sidar tragen sie abwechselnd – auch am Mittwoch, dem Tag, an dem die jesidische Mythologie ihnen schwere Arbeit verbietet. Die Tage verschwimmen wie die Erinnerungen. »Auf der Flucht sind alle gleich. Vorher hatten wir alles, was man zum Leben braucht. Es war ein gutes Leben. Dann hatten wir alle nichts mehr…« beschreibt Hanan die ersten Tage in Europa, als sie auf einem Stück Pappe unter dem freiem Himmel übernachten. Die Grenzüberquerung nach Deutschland verschläft Hanan. Erschöpft kommen sie frühmorgens mit dem Zug in Halle an der Saale an. Die Stadt hat das örtliche Maritim-Hotel zu einer Erstunterbringung umfunktioniert. Ihre erste Nacht in Deutschland verbringt die Familie in einem Doppelzimmer eines Drei-Sterne-Hotels: »Wir haben geduscht, ganz lange geduscht und geschlafen«. Am nächsten Tag holt ein Onkel die Familie ab und bringt sie zu ihren Verwandten nach Ostbayern. Am Bahnhof in Amberg treffen Hanan und ihre Schwestern endlich ihren Vater wieder. Dieses Mal umarmen sie ihn so, als würde er gleich für immer verschwinden.

Knapp ein Jahr später zieht die Familie nach Wolfsburg. Erst in eine Flüchtlingsunterkunft, dann in eine Wohnung im Stadtteil Westhagen. Vater Saeed arbeitet wieder als Frisör und schneidet Sidars Haare und die aller Verwandten, die im benachbarten Celle leben. Häufig treffen sich die Familien zu Festen. Mutter Seve kocht dann Hanans Lieblingsessen: Weinblätter gefüllt mit Reis. Hanan und ihre Schwestern sprechen fließend Deutsch, alle Kinder haben Schwimmen gelernt, der Aufenthaltsstatus der Familie wird jährlich erneuert. Doch wie lange sie in Deutschland bleiben können, ist unsicher – denn deutsche Gerichte stufen den Irak mittlerweile als sicher ein. Der IS ist besiegt und ihr Heimatdorf Borek zumindest offiziell befriedet, auch wenn dort für Jesiden noch immer kein Leben in Sicherheit möglich ist.

Zum Abschluss ihrer Geschichte frage ich Hanan, wo sie sich zuhause fühlt: »Meine Heimat ist im Irak, aber dahin kann ich nicht zurück. Hier ist alles anders. Es riecht anders, es sieht anders aus, es fühlt sich anders an.« Die Geschichte ist hier.